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Zeitempfindungen relativieren

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Um sich über Zeitempfindungen im Film klar zu werden, muss man zuerst zwei Begriffe festlegen. Die Realzeit bedeutet dass der Film die gleiche Länge hat wie der Zeitraum den er behandelt. Das hieße ein Film der den Inhalt eines Tages beschreibt, würde auch einen Tag lang dauern. Da Filme üblicherweise nicht länger als zweieinhalb Stunden dauern werden längere Zeiträume nicht in Realzeit gedreht.

Filme behandeln Zeiträume, die meist über die angesprochenen zweieinhalb Stunden gehen. Um beispielsweise drei Generationen einer Familie zeigen, wie in „Das Geisterhaus“, muss hier der Film von Realzeit auf Erlebniszeit gekürzt werden. Erlebniszeit ist also eine Zeitgröße die beschreibt „wie sie der Kinobesucher erlebt – und zwar aufgrund einer entsprechenden Dramaturgie“.

Wenn einzelne Szenen aneinander gereiht sind und sich dadurch eine Geschichte ergibt, weiß der Zuseher, wo er sich zeitlich befindet.

Daher kann man sagen, (fast) jeder Film durchbricht auf irgendeine Weise das Raum- Zeit- Kontinuum (die Realzeit). So können im Film Szenen/Momente im Zeitraffer präsentiert werden (Jahre werden übersprungen, fünf Minuten auf eine Minute gerafft). Die Zeit kann aber auch absichtlich verlangsamt (Rückblenden, Zeitlupen) oder gänzlich angehalten werden.

Filmmusik spielt hierbei eine wichtige Rolle. So kann Musik schon bei einer Szene in Realzeit das Gefühl von Eile vermitteln oder im Zuseher das Gefühl von Gelassenheit erwecken. Ein Mann betritt beispielsweise einen Raum und verläßt ihn anschließend wieder. Mit einer gleichen Melodie, die nur zu verschiedenen Zeiten endet, nämlich vor, während oder nach Verlassen des Raums wird dem Zuseher Unterschiedliches vermittelt.

Während bei zu frühem Enden der Melodie dem Zuseher die ganze Szenerie hastig und voller Eile erscheint, vermittelt ein Späteres eine stoische Ruhe5 . Wenn nun die Melodie genau aufhört, wenn der Raum verlassen wird, erhält die Szene einen Touch von Genauigkeit, in einigen Fällen auch von Penibilität. Man sieht also die gleiche Szene und hat durch die Musik viele Möglichkeiten, ihren Charakter zu verändern und ihr gleich eine andere Stimmung zu geben, und nur die Musik allein irritiert die Zeitempfindungen.

Im Film „Im Auftrag des Teufels“ mit Keanu Reeves (Lomax) und Al Pacino (Teufel) findet der junge gewiefte Anwalt Lomax heraus, dass er eines der vielen Kinder des Teufels ist. Dieser ist in diesem Film auch ein Anwalt und wünscht sich von Lomax einen Enkel. Um den Antichristen zu zeugen, müßte er sich freiwillig auf eine Nacht mit seiner Halbschwester einlassen („Nur der freie Wille zählt“ erklärt der Teufel Lomax) . Um der Welt das Leid mit dem Antichristen zu ersparen und weil er seinem Vater entkommen will, nimmt Lomax die einzige Möglichkeit wahr, die er hat und er erschießt sich („Freier Wille, nicht wahr?!“ sagt er)!! Diese Szene, in der er abdrückt und auf den Boden fällt, ist in Zeitlupe gefilmt. Immer wieder wird der Fall durch Kurzszenen unterbrochen.

In diesen verwandelt sich der Teufel in Lomax, aus dessen Körper verzehrende Flammen entspringen, die alles in seiner Umgebung, auch seine Tochter, zerstören. Das Tor zur Hölle öffnet sich und der Teufel zieht sich geschlagen zurück, das Bild wird kleiner, alles rundherum schwarz und plötzlich sieht man Lomax der entsetzt vor seinem Spiegelbild zurückweicht (er lebt wieder) und dann beginnt das Drama von vorne.

Die Musik unterstützt hier die Atmosphäre, welche die ganze Szene lang sehr angespannt ist. Schon als Lomax mit seiner Halbschwester den Antichristen zeugen sollte, merkt man, dass bald etwas Wichtiges passieren wird, denn die Musik strebt einem Höhepunkt entgegen. Plötzlich hört die Melodie auf, es bleiben nur die Geigen, die dem Ausgang des Geschehens wie erstarrt entgegenzittern. Lomax hebt die Waffe und hält sie sich an den Kopf.

Der Teufel versucht das zu verhindern, doch der tödliche Schuß ist schon gefallen. Wutentbrannt zeigt der Teufel sein wahres Gesicht und zugleich hört man eine choralartige Kirchenmusik, das sehr lange Verse hat. Dieser Litanei sind auch Trompeten untergemischt die wie ein Triumphschrei Gottes klingen, der den Teufel wieder einmal durch Nichteingreifen besiegen konnte.

Durch die Fülle der Litanei erscheint die ganze Szene sehr lang und die Musik hat gruseligen Charakter, sie erinnert immer wieder an die alten Dracula-Filme. Gleichzeitig wird die Musik immer schneller und wirrer und beginnt wie das Bild ins Chaos überzugehen, bis sie schließlich verstummt und sich Lomax im Spiegel erschreckt ansieht.

Rhythmus und Melodie sind bei der Filmmusik sehr wichtig. „Rhythmus hat grundsätzlich eine vertikale Wirkung“, dass heißt, damit kann man besonders gut Ekstase oder Meditation beschreiben. Die Melodie hingegen wirkt „horizontal. Ihre Aufgabe ist es, über den Zeitverlauf zu berichten.

Die heutigen Actionfilme haben deshalb mehr rhythmusbetonte Musik, da diese ja auf das Hier und Jetzt hinweist, z. B. wird solche Musik oft verwendet bei Schlägereien oder Explosionen. Melodie wird in diesem Genre mehr stören als positiv unterstützen, denn sie würde die Szene aus dem Hier und Jetzt befördern.

Man kann daher sagen, dass Rhythmik die dramatischen Aspekte des Films unterstützt, während die Melodie die Handlung vorantreibt.

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