Diplomarbeit Filmmusik

von Thomas Seher

1. Einleitung

Die Diplomarbeit entstand im Winter- und Sommersemester 2006/2007 und setzt sich aus einer praktischen Arbeit und einem theoretischen Teil zusammen. Zum besseren Verständnis sollte sich der Kurzfilm „Wölfe in B.“ vor dem Lesen dieser Arbeit angeschaut werden (DVD im Anhang). Der theoretische Teil gliedert sich in zwei Abschnitte: der erste behandelt Modelle aus der Literatur zu den Funktionen der Filmmusik; im zweiten Teil wird die Filmmusik zu „Wölfe in B.“ in Hinblick auf ihre Funktion analysiert.

Da ich seit 2001 Schauspiel- und Filmmusik komponiere, war für mich eine Beschäftigung mit der Theorie der Filmmusik in Bezug auf eigene Werke im Rahmen der Diplomarbeit selbstverständlich. Der daraus resultierende Erkenntnisgewinn ist demnach persönlich, da die Reflexion wiederum in die praktische Arbeit einfließen kann. Gleichwohl gibt die hier dargestellte Theorie der Filmmusik für Interessierte einen Einblick in den wissenschaftlichen Diskurs zu den Funktionen der Filmmusik (Stand 2007).

Die Grundfrage lautet: welche allgemeinen Funktionen übernimmt Filmmusik in Spielfilmen und darauf basierend welche konkreten Funktionen übernimmt sie im Film „Wölfe in B.“?

An dieser Stelle ist es wichtig zwischen Funktionen und Wirkungen zu differenzieren, denn beide Begriffe unterscheiden sich darin, was Filmmusik leisten soll und was sie letztendlich beim Zuschauer auslöst.

Mit dem Begriff Funktion werden alle Aufgabenstellungen beschrieben, die im weitesten Sinn der Filmdramaturgie sowie der Filmvermarktung zugedacht sind. Die Entscheidungen für den Musikeinsatz werden in der Regel vom Regisseur, Produzenten, Komponisten, Cutter und Tonmeister gefällt, die bestimmte Vorstellungen von Wirkungsweisen der Musik verfolgen. Die Wirkung bezieht sich auf den Zuschauer, der die eigentlichen dramaturgischen und kommerziellen Absichten der Filmemacher nicht kennt und daher die Bild-Ton-Kombination auf subjektive Weise erlebt.

Somit können Unterschiede auftreten zwischen den von Filmschaffenden angedachten Funktionen und den tatsächlich erlebten Wirkungen auf den Rezipienten. So hat beispielsweise die Musik von 1930 (z.B. Duke Ellington) heute eine andere Wirkung als auf das damalige Filmpublikum. Um verlässliche Aussagen zur Wirkung von Filmmusik zu treffen, sind Datenerhebungen in Form von Besucherbefragungen und Tests notwendig, die Gegenstand der Psychologie sind. Bei meinen Betrachtungen konzentriere ich mich auf die Funktionen der Filmmusik. Das geschieht in folgenden Schritten.

Bei der Darstellung der Modelle wird der Schwerpunkt auf die Musik in Tonfilmen gelegt. Die Funktionen der Stummfilmmusik werden nur der Vollständigkeit halber in einer Übersicht vorgestellt. Darüber hinaus versuche ich ein Modell zu den Funktionen der Filmmusik zu entwerfen, welches eine umfassende Katalogisierung ermöglicht, ohne dabei eine simple Auflistung der Funktionen vorzunehmen, wie es einige Autoren bereits getan haben (z.B. Norbert Jürgen Schneider 1986). Anschließend wird dieses Modell zur Analyse der Filmmusik zum Film „Wölfe in B.“ angewendet.

Es ist bemerkenswert, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit Filmmusik eine junge Tradition hat. Es liegt eine Menge von Veröffentlichungen vor, die sich um das Wesen der Filmmusik bemüht, doch umfassende systematische Beschreibungen unter dem Aspekt der Funktion sind die Ausnahme (z.B. Zofia Lissa 1965).

Wie bei jedem Versuch, Dinge der gelebten Wirklichkeit (hier das Schaffen des Filmmusikkomponisten) in ein System zu zwängen, fallen vereinzelte Aspekte durch das 'Raster'. Wolfgang Thiel weist zurecht darauf hin, dass jede Systembildung die Gefahr birgt „die innere Dynamik der beschriebenen Objekte aus den Augen zu verlieren.“ So sei eine genrespezifische Differenzierung erforderlich, da in jedem Filmgenre andere Funktionen an Bedeutung gewinnen. Diese Grundspannung lässt sich auch in dieser Arbeit nicht auflösen.

Neben der Literatur, waren persönliche Gespräche mit dem Regisseur Jonas Projer, dem Schauspiel- und Filmmusiker Biber Gullatz und Prof. Dr. Wolfgang Löffler, im Institut für Musikwissenschaft und Musik der Universität Hildesheim, für mich wertvolle Quellen, da ich genaue Vorstellung von dem bekam, was Musik, aus Sicht der Film- und Musikschaffenden, leisten soll und kann. An sie geht mein Dank.


Im nächsten Kapitel (Diplomarbeit Filmmusik)
Bedeutung der Filmmusik im Kontext filmästhetischer Mittel