Filmmusik von Alfred Schnittke


Filmmusik | Alfred SchnittkeAlfred Schnittke
Filmmusik Edition, Vol. 3

Das Marchen der Wanderungen
Rikki-Tikki-Tavi (Berlin Radio Symphony, Strobel)

Filmscores - geliebt und belächelt

Gute Filmhits pfeift man auf der Straße, wenn man aus dem Kino kommt, ohne zu wissen, woher man die Melodie kennt. Was von Filmmusik meistens haften bleibt, ist das oft und in vielen Variationen wiederholte, umspielte, abgewandelte Hauptthema des jeweiligen Soundtracks.

Diese musikalischen Kerne allerdings verfügen - so sie wirklich gut sind - über eine derart zwingende Struktur, dass sie nicht weniger einprägsam sind als andere berühmte klassische Stücke.

Filmmusik hat in den seltensten Fällen eine eigenständige Funktion oder gar eine eigenständige Existenz. Sie ist auf die Unterstützung von Emotionen ausgerichtet und sollte unbemerkt zur Unterstreichung einer bestimmten szenischen Wirkung beitragen.

Welche Rolle sie aber tatsächlich spielt, kann man eindrucksvoll empfinden, wenn man eine neutrale Filmsequenz betrachtet, die nacheinander mit verschiedener Musik unterlegt wird. Das Auge ist dem Ohr hilflos ausgeliefert. Umgekehrt wird das Ohr höchst anspruchsvoll, wenn das Auge keine ablenkenden Bilder liefert.

Alfred Schnittkes Filmmusik ist so spannend, dass man die Filme kaum vermisst. So interessant und sehenswert sie sein mögen - sie können nicht das Musikerlebnis ersetzen, wie es hier auf CD vorliegt.

Nicht nur die Wucht des vollen Orchesters spricht für die reinen Musikversionen, die Frank Strobel so vorbildlich aufbereitet wie hingebungsvoll aufgenommen hat, sondern die Musik Alfred Schnittkes braucht und verdient schlicht die ungeteilte Aufmerksamkeit, die man ihr beim Hören der CD entgegenbringen kann.


Alfred Schnittke - ein Wanderer durch die Musikgeschichte

Alfred Schnittke gehörte zusammen mit Edisson Denissow und mit Sofia Gubaidulina zum leuchtenden Dreigestirn russischer Filmkomponisten der Generation nach Prokofjew und Schostakowitsch. Ihren Aufbruch zu neuen musikalischen Ufern suchten diese Künstler während der Chruschtschow-Ära in der Wiederentdockung des bisher Verfemten und in der Ablehnung jeglicher Monumentalität.

Geboren 1934 in Engels an der Wolga (Hauptstadt der ehemaligen Wolgadeutschen Autonomen Sowjetrepublik), bezeichnete Schnittke sich selbst als "Russe ohne einen Tropfen russischen Blutes". Sein Vater, ein in Frankfurt an der Oder geborener Jude, kam 1926 mit seinen Eltern in die UdSSR und heiratete dort eine in Russiand geborene Deutsche, Maria Vogel.

Von Kindheit an sprach Alfred Schnittke Deutsch - das "Wolgadeutsch" seiner Mutter. Von 1946 bis 1948 lebte er in Wien. Anschließend kehrte die Familie in die UdSSR zurück, wo Schnittke Musik studierte.

Er war 19 Jahre alt, als der Generalissimus Stalin starb. Das bedeutete keineswegs, dass sein Künstlertum sich unbehelligt hätte entfalten können. Sicher stand er weniger als seine älteren Vorgänger unter dem Zwang, realsozialistisch komponieren zu müssen zum Zwecke der Grundlegitimation musikalischer Arbeit an sich.

Aber mit westeuropäischen Biographien hat sein Werdegang keine Ähnlichkeit, auch wenn er durch seine Ausbildung bei dem in die Sowjetunion eingewanderten Wiener Schönberg-Schüler Philipp Herschkowitz sensibilisiert war für internationale Entwicklungen auf dem Gebiet der Musik des 20. Jahrhunderts.

Nach einer dreijährigen Aspirantur lehrte Schnittke von 1962 bis 1972 am Moskauer Konservatorium, arbeitete zeitweilig am Elektronischen Studio Moskau und verfasste neben seinen Kompositionen zahlreiche musiktheoretische Arbeiten.

Seit 1972 war er freischaffender Komponist und komponierte u.a. die Musik zu 60 Filmen. Schnittkes Œuvre umfasst neben diesen Filmmusiken Kammermusik in verschiedensten Besetzungen, Opern, chorsinfonische Werke, Sinfonien und Instrumentalkonzerte.

Eine Konzertreise 1977 u.a. mit Gidon Kremer machte ihn in Westeuropa bekannt. Seitdem lebte und arbeitete Schnittke vornehmlich in Deutschland und Österreich. 1990 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft, am 3. August 1998 starb er in Hamburg.


Alfred Schnittke - Zwischen allen Stilen

Mit Hilfe von Anton Weberns Kontrastidee ("Fest und Locker") war Schnittke nach 1968 zu seiner eigenen Art des Komponierens gekommen. Im Gegensatz zur europäischen Avantgarde handelte er nicht nach dem ungeschriebenen Gesetz "Neu um jeden Preis".

Schnittke montierte seine Musik aus Resten des Hergebrachten. Die Apologeten des Fortschritts belegten ihn dafür mit ihrem Bannfluch: populistisch, unkreativ, gestrig.

In Wahrheit verlor die Moderne den Anschluss an die Realität, erstarrte, verkrampfte. Schnittke hingegen führte gelehrte und gefühlte Musik vertrauter und fremder Kulturen zusammen, formte sie mit den handwerklichen Mitteln der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts.

So verwundert es nicht, wenn seine Werke mal nach Mahler, Mozart, Bach, Strawinsky, Prokofjew oder Schostakowitsch klingen, mal nach Trivialmusik, Folklore, Jazz, Tango und Popmusik.

"Polystilistik", so nannte Schnittke selbst seine Kompositionstechnik. Doch sie ist mehr als das, ein Versuch, aus dem ästhetischen Einerlei der selbstbezogenen Avantgardemusik auszubrechen. Schnittke blieb außerhalb des Elfenbeinturmes. Darum irrt, lacht, weint und schmeichelt seine Musik.


Alfred Schnittke - Märchen der Wanderungen

Märchen, Legende, Paraphrase, Allegorie über das Wandern, Reisen, Fahren, Suchen? Oder besser "Eine phantastische Geschichte", wie der deutsche Synchronname von "Märchen der Wanderungen" ursprünglich lautete?

Schon die Schwierigkeiten bei der Übersetzung des russischen Originaltitels des Filmes ("Skaska stranstwi") von Alexander Mitta deuten auf jene Dimensionen hin, die der große Regisseur 1982/83 auszuloten versucht hatte.

Und es ist nicht ungewöhnlich, dass auch die Einordnung von "Märchen der Wanderungen" in ein Genre schwer fällt. Ob Kinderfilm, Spielfilm, Abenteuerfilm Märchenfilm oder Fantasy-Film, welche Kategorie auch immer man wählt, sie trifft nicht wirklich zu.

DerJunge Mai und seine ältere Schwester Marta leben alswaisenkinder in bittererarmut. Marta meistert das gemeinsame Überleben mit mütterlicher Fürsorge und praktischem Verstand. Mai hingegen besitzt ein besonderes Talent, vor dem er sich aber fürchtet. Er kann Gold und Schätze aufspüren, was ihm unerträgliche Kopfschmerzen bereitet.

Darum bleiben die Geschwister lieber arm. Am Heiligen Abend erscheint der Weihnachtsmann bei dem Geschwisterpaar. Die Hoffnung auf kleine Geschenke zerschlägt sich schnell, denn unter dem Mantel steckt der Räuber Gorgon, der Mai entführt, um ihn als Goldsklavon für sich arbeiten zu lassen. Voller Verzweiflung begibt sich Marta auf die Suche nach ihrem Bruder.

Unterwegs begegnet sie dem Arzt, Poeten und Philosophen Orlando, der eine Vision hat von einem glücklichen Zeitalter für alle Menschen. Gemeinsam meistern die beiden viele gefährliche Situationen. Auf der Suche nach Mal bezwingen sie einen Drachen, geraten in Gefangenschaft, entkommen dem Hungertod.

Aber die Pest rafft Orlando schließlich dahin. Marta zieht allein weiter. Nach Jahren gelingt es ihr, Mai zu finden. Doch sie erkennt ihren Bruder nicht wieder: Das Gold hat ihn zynisch, hochmütig, grausam gemacht. Erst die abgrundtiefe Enttäuschung der geliebten Schwester öffnet Mai die Augen.

Er verzichtet auf die Schätze, zerstört die Burg und folgt Marta in ein anderes Leben. Für Alfred Schnittke war das symbolträchtige Märchen einer von sechs dankbaren Stoffen, die er gemeinsam mit Alexander Mitta realisierte.

Nicht weniger als 72 Minuten Originalmusik voller Melancholie, Ironie, Grausamkeit und Frohsinn unterlegte Schnittke dem 103-minütigen Film. Frank Strobel hat davon 45 Minuten in eine zehnteilige sinfonische Suite übernommen.

Bereits im Versteck der Kinder, einer Fledermaushöhle, klingen alle Emotionen an, denen sie ausgesetzt sein werden. Einem schlichten, markanten Hauptthema, das in zahlreichen Varianten den gesamten Film "durchwandern" wird, antwortet ein einprägsames Seitenthema von barocker Üppigkeit.

Aus beiläufig untermaltem Alltag zaubert Schnittke binnen Sekunden die dramatische Entführung Mais. Die Kutsche rast durch die Nacht, welche so düster istwie Mussorgskis "Nacht auf dem Kahlen Berge" oder Webers "Wolfsschluchtszene".

Der Kontrast zum reinen Sonnenschein von Orlandos zärtlichem Werben um Marta könnte iiiclit größer sein. Betörende, süchtig machende Schönheit steht dem Verführer Schnittke zu Gebote.

Alles Dunkle verfliegt im Handumdrehen. Auch dazu dient das Hauptthema, diesmal verheißungsvoll sanft gesungen von der Solovioline, der Oboe und der Flöte, behutsam begleitet von einem Lieblingsi'nstrument Schnittkes, dem Cembalo.

Katz-und-Maus-Spiel: Ein Mahlerscher Ländier wirft mutwillig die Beine hoch und poltert derb hinüber in einen Parademarsch übermütiger Zirkuspferde.

Dem Maitanz im Wirtshaus und der anschließenden wilden Jagd über die Tische hinweg kommt eine Schlüsselposition in der gesamten Filmmusik zu. Manchem Filmzuschauer mag zunächst das alberne Gehopse zu persiflierter Popmusik inmitten des mittelalterlichen Ambientes grell vorgekommen sein.

Doch Schnittke hat hörbar eine Maifeier inszeniert, die sich über die einstigen Maiparaden auf dem Roten Platz lustig macht! Der folgende Bärentanz zwischen Fidel und Posaune/Tuba riecht förmlich nach Wodka und Machorka, so dass die anschließende Jagd im Fiasko endet, getreu einem russischen Trinkspruch: "Treffen wir uns unterm Tisch!"

Man braucht keine Bilder zu Schnittkes lastender Musik, um die Pest als eine fürchterliche, tödliche Macht wahrzunehmen. Der barocke Gestus symbolisiert eine uralte Geißel der Menschheit. Die menschengemachten Plagen des 20. Jahrhunderts stehen ihr an Gratisamkeit nicht nach. Die Anspielung auf Schostakowitschs infernalischen Marsch aus der Leningrader Sinfonie lässt keinen Zweifel an Schnittkes versteckter Botschaft.

Menuett und Tanz sind fragwürdige Vergnügungen am Rande des Vulkans. Die auftrumpfende Estradenmusik kippt unvermittelt in bodenlose Leere. Orlandos Loben verlischt zu dumpfen Klavierschlägen und tonlosen Tremoli der Streicher.

Für die Wandlung Mais und die Zerstörung des glänzenden Goldes wählt Schnittke Klänge von rüder Gewalt ähnlich denen Strawinskys, als dessen Prinz das Ei des bösen Zauberers Kaschtschei zerquetscht. Das Unangenehme: Es ist dieselbe "Mai-Feier" wie damals im Wirtshaus, die hier tobt, Der finale Abgesang schwelgt noch einmal im Geiste von Orlandos Visionen.


Rikki-Tikki-Tavi

Rikki-tikki-tikki-tschik! Wer kennt ihn nicht, den Schlachtruf des kleinen rotäugigen Mungos aus Rudyard Kiplings "Dschungelbuch"? Der flinke Schlangentöter rettet den kleinen Teddy und dessen Familie in einem indischen Garten vor den Mordabsichten von Nag und Nagaina, dem stolzen Kobrapaar.

Kipling, 1907 geehrt mit dem Literaturnobelpreis, steht gleichwohl in der Kritik wegen seiner Vermenschlichung der Tierfiguren und wegen seiner Glorifizierung der Kolonialpolitik im Sinne eines kulturbringenden Herrenmenschentums.

Der russische Filmregisseur Alexander Sguridi (1904-1988), ein Pionier des sowjetischen Tiertilms (u.a. "Der schwarze Berg"), hat die Geschichte von Rikki-Tikki-Tavi 1975 auf die Leinwand gebracht. Das "ZentrNaütschFilm", 1933 gegründetes Zentrales Studio für populärwissenschaftliche und instruktive Filme, bot ihm dafür ideale Voraussetzungen. Mehr als 10000 Filme hat das einflussreiche und bis heute existierende Studio in Moskau produziert. Viele von ihnen, darunter "Dersu Usala", erhielten die bedeutendsten Filmpreise der Welt.

Der fast 80-minütige Kinderfilm "Rikki-Tikki-Tavi" auf ein Drehbuch von Nana Kldiashvili wurde ein Jahr nach seiner Uraufführung im DDR-Fernsehen gezeigt, 1983 auch vom ZDF. Die Suite nach der Filmmusik von Alfred Schnittke besorgte Frank Strobel im Jahre 2003.

Sie enthält sechs Titel, die alle um das epische Hauptthema kreisen. Der Komponist nutzt die Gelegenheit zu opulentem Breitwandsound genauso wie zur musikalischen Illustration der exotischen Gegenspieler, der beiden Brillenschlangen und dem Mungo.

Neugieriges Umherschleichen weicht blitzschnellen Kampfattacken. Dann verbreiten Celesta, wi'egende Pizzicati und ätherische Flötentöne nächtliche Ruhe. Doch der Mungo schläft nicht. Schließlich kann der Epilog von einem glücklichen Ausgang der Geschichte künden. Nicht für die Schlangen freilich.

Text: Steffen Georgi
Label: Capriccio
Vertrieb: www.naxos.com

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